Kolmanskuppe um 1910, Blick auf die Siedlung mit Bahngleisen

1908 bis heute

Die Geschichte von Kolmanskop

Eine Stadt, die es ohne einen einzigen Stein nie gegeben hätte. Achtundvierzig Jahre zwischen Fund und Aufgabe, als Überblick, als Zeitleiste und in sechs Kapiteln.

Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Die Geschichte in fünf Minuten

Im April 1908 hebt der Bahnarbeiter Zacharias Lewala beim Sandräumen an der Strecke Lüderitz–Aus einen glitzernden Stein auf und gibt ihn seinem Vorarbeiter August Stauch. Stauch, ein Bahnmeister aus Thüringen, der sich nebenbei mit Mineralogie beschäftigt, ahnt sofort, was er in der Hand hält, und sichert sich Schürfrechte, bevor er den Fund am 20. Juni öffentlich macht. Innerhalb weniger Monate liegt die Namib voller Diamantensucher, die im Mondlicht auf Knien durch den Sand kriechen. Die Steine liegen an manchen Stellen einfach an der Oberfläche.

Die Kolonialverwaltung reagiert mit der Sperrverordnung vom 22. September 1908. Das gesamte Küstengebiet vom Oranje bis zum 26. Breitengrad wird zum Sperrgebiet, in dem nur wenige Gesellschaften schürfen dürfen. Eine davon ist Stauchs Koloniale Bergbau-Gesellschaft. An einem Bahnhaltepunkt, der nach einem im Sandsturm verlassenen Ochsenkarren des Fuhrmanns Johnny Coleman „Kolmanskuppe“ heißt, entsteht ihre Zentrale, erst Zelte und Wellblech, dann Villen, ein Kraftwerk in Lüderitz, eine Meerwasserleitung über 30 Kilometer, eine elektrische Werksbahn und 1914 die Centralwäsche, eine vierstöckige Aufbereitungsanlage für 1.500 Kubikmeter Sand am Tag.

Der Erste Weltkrieg unterbricht alles. 1920 gehen die deutschen Gesellschaften in der Consolidated Diamond Mines (CDM) unter Ernest Oppenheimer auf, die später zu De Beers gehört. Die deutschen Fachleute bleiben, und die 1920er-Jahre werden Kolmanskops beste Zeit: neue Schule, erweitertes Krankenhaus mit Röntgengerät, Eisfabrik, Kegelbahn, 1927 das Kasino mit Theater und Turnhalle. Rund 400 Menschen wohnen im Ort, dazu etwa 800 Vertragsarbeiter aus dem Ovamboland im Compound außerhalb.

1928 werden an der Oranjemündung weit reichere Felder entdeckt, 1930 kommt die Weltwirtschaftskrise, und im April stellt die Centralwäsche den Betrieb ein. 1941 zieht die CDM ihre Zentrale nach Oranjemund und nimmt Werkstatt und Uhrturm gleich mit. Das Krankenhaus hält den Ort noch bis 1956 am Leben, dann gehen die letzten Familien. In den 1960er-Jahren wird alles Brauchbare ausgebaut, die Stahlkonstruktionen werden für Schrott gesprengt. 1980 beschließt die CDM, die Ruinen als Museum zu erhalten, „in einem Zustand des angehaltenen Verfalls“. Seit 2002 führt eine private Gesellschaft die Besucher, seit 2024 kennt man den Ort auch aus der Serie „Fallout“.

Zeitleiste

  1. 1883Vorgeschichte

    Lüderitz kauft die Bucht

    Der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz erwirbt die Bucht Angra Pequena und das Hinterland, der Anfang der Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Bodenschätze findet er keine.

  2. 1905

    Ein Ochsenkarren im Sand

    Der Fuhrmann Johnny Coleman muss bei einem Sandsturm seinen Wagen an einer kleinen Kuppe östlich von Lüderitz zurücklassen. Die Stelle heißt fortan „Colemans Kuppe“, Kolmanskuppe. Im selben Jahr erreicht die Bahn von Lüderitz nach Aus die Stelle.

  3. 1907

    Stauch kommt

    August Stauch tritt seine Stelle als Bahnmeister in Grasplatz an. Seine Aufgabe: die Gleise zwischen Kilometer 18 und 27 vom Sand freihalten. Seine Arbeiter weist er an, auf auffällige Steine zu achten.

  4. 1908April

    Der erste Diamant

    Zacharias Lewala findet den ersten Stein. Stauch prüft ihn mit dem Uhrenglas, sichert sich Claims und Geldgeber und meldet den Fund am 20. Juni. Der Diamantenrausch beginnt.

  5. 190822. September

    Das Sperrgebiet

    Staatssekretär Bernhard Dernburg erlässt die Sperrverordnung: kein Schürfen mehr für Privatleute zwischen Oranje und 26. Breitengrad, 100 Kilometer landeinwärts. Nur fünf Gesellschaften erhalten Rechte.

  6. 1909

    Die Koloniale Bergbau-Gesellschaft

    Stauchs Syndikat wird am 5. Januar zur KBG mit Sitz in Berlin. Die Werksbahn zu den Feldern im Süden ist fertig, das Direktorenhaus steht.

  7. 1911

    Strom und Wasser

    Die KBG baut das Kraftwerk in Lüderitz und eine Pumpstation in Elisabethbucht. 1.000 Kubikmeter Meerwasser am Tag fließen über 30 Kilometer nach Kolmanskuppe, für die Wäschen und als Schwimmbad. Der Ort hat Strom, Telefon und Hydranten.

  8. 1912–1914

    Rekordjahre

    Allein im Pomonagebiet werden über eine Million Karat gefördert. 1914 geht die Centralwäsche in Betrieb, bis dahin die modernste Anlage der Welt. Die Werksbahn ist elektrifiziert.

  9. 1914–1915

    Krieg

    Der Abbau stoppt, die Deutschen zerstören Teile der Wäsche und der Wasserleitung. Südafrikanische Truppen besetzen die Kolonie; am 9. Juli 1915 kapitulieren die Deutschen bei Khorab.

  10. 1920

    CDM

    Die deutschen Gesellschaften fusionieren mit südafrikanischem Kapital zur Consolidated Diamond Mines of South West Africa. Ernest Oppenheimer wird 1929 Vorsitzender, 1930 übernimmt De Beers.

  11. 1926–1928

    Die besten Jahre

    Neue Schule, größeres Krankenhaus, Ziegelhäuser für die Handwerker, 1927 das Kasino mit Turnhalle, Theater und Kegelbahn. Die Wäsche schafft jetzt 3.000 Kubikmeter am Tag.

  12. 1928

    Die Konkurrenz am Oranje

    An der Oranjemündung, 270 Kilometer südlich, werden weit reichere Diamantenfelder entdeckt. Die Zukunft der CDM liegt ab jetzt dort.

  13. 1930April

    Stillstand

    Die Weltwirtschaftskrise drückt den Diamantenpreis, die Centralwäsche wird stillgelegt, vorübergehend, wie man glaubt. 1934 werden die letzten Vertragsarbeiter nach Hause geschickt.

  14. 1941

    Umzug nach Oranjemund

    Die CDM verlegt ihre Zentrale. Werkstatt und Uhrturm werden abgebaut und in Oranjemund wieder aufgestellt. Kolmanskop bleibt Versorgungsdepot für den Süden.

  15. 1956

    Die Letzten gehen

    Nach dem Bau der Oppenheimer-Brücke 1951 braucht niemand mehr die Bahnstrecke aus dem Norden. Das Krankenhaus schließt, die letzten Familien ziehen weg.

  16. 1960er

    Ausgeschlachtet

    Türen, Fenster, Dielen und Schienen gehen nach Lüderitz. Die Stahlkonstruktion der Centralwäsche wird für Schrott gesprengt. Der Sand kommt.

  17. 1979–1980

    Vom Verfall zum Museum

    Die CDM beschließt, Kolmanskop als Museum zu erhalten. Architektin Edda Schoedder vermisst die Häuser, das Kasino wird gesichert, 1980 beginnen Führungen. Offiziell eröffnet wird das Museum 1990.

  18. 1994

    Namdeb

    Nach der Unabhängigkeit Namibias wird aus der CDM die Namdeb, ein Gemeinschaftsunternehmen von Staat und De Beers. Sie ist bis heute Eigentümerin des Geländes.

  19. 2002

    Ghost Town Tours

    Eine private Gesellschaft übernimmt die Konzession für Führungen und Betrieb. 2008 wird das Sperrgebiet zum Nationalpark erklärt, heute Tsau ǁKhaeb.

  20. 2024

    Fallout

    Die Amazon-Serie „Fallout“ hat Szenen in Kolmanskop gedreht. Die Besucherzahlen steigen, die Permits werden teurer.

Häufige Fragen

Fragen zu Die Geschichte von Kolmanskop

Wann wurde Kolmanskop gegründet?

Kolmanskop entstand 1908, unmittelbar nach dem ersten Diamantenfund im April desselben Jahres, als Zentrale der Koloniale Bergbau-Gesellschaft an einem Haltepunkt der Bahnstrecke von Lüderitz nach Aus. Am Anfang standen Zelte und Wellblechhütten, ab 1909 massive Häuser.

Wann wurde Kolmanskop verlassen?

Der Diamantenabbau bei Kolmanskop endete im April 1930, die Minengesellschaft CDM zog 1941 nach Oranjemund, und 1956 verließen die letzten Familien den Ort. Im selben Jahr schloss das Krankenhaus.

Wie viele Menschen lebten in Kolmanskop?

In den 1920er-Jahren wohnten rund 400 Menschen im Ort, dazu etwa 800 Vertragsarbeiter aus dem Ovamboland in einem Compound außerhalb der Siedlung.

Wem gehörte Kolmanskop?

Zunächst der Koloniale Bergbau-Gesellschaft (KBG) um August Stauch, ab 1920 der Consolidated Diamond Mines (CDM), die 1930 an De Beers ging. Seit 1994 ist die Namdeb, ein Gemeinschaftsunternehmen des namibischen Staates und von De Beers, Eigentümerin des Geländes.

Seit wann kann man Kolmanskop besichtigen?

1979 beschloss die CDM, Kolmanskop als Museum zu erhalten; ab 1980 gab es Führungen, offiziell eröffnet wurde das Museum 1990. Seit 2002 betreibt die private Gesellschaft Ghost Town Tours Führungen und Museum; Öffnungszeiten und Permits stehen auf der Besuchsseite.