Diamantensucher kriechen auf Knien durch den Sand, historische Aufnahme aus dem Diamantenland

Kapitel 1 · April 1908

Der Diamantenfund von 1908

Ein Stein im Bahndamm, ein Uhrenglas, zwei Monate Schweigen – und dann ein Rausch, den die Regierung nach drei Monaten per Verordnung beendete.

Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Eine Bahnlinie gegen den Sand

Dass in der Namib überhaupt jemand nach Steinen schaute, hat mit einem Krieg zu tun. Nach den Aufständen der Herero und Nama ab 1904 brauchte die deutsche Kolonialverwaltung eine Verbindung von der Küste ins Landesinnere, um Truppen und Nachschub zu bewegen. So entstand die Bahnlinie von Lüderitzbucht nach Keetmanshoop, 360 Kilometer durch Wüste und Halbwüste. Ihr größter Feind war nicht das Gelände, sondern der Wind: Die Dünen wanderten über die Gleise, und die Strecke musste ständig freigeschaufelt werden.

Für diese Arbeit waren Bahnmeister zuständig, jeder für einen Abschnitt. Einer von ihnen war August Stauch, 1907 aus Thüringen gekommen, weil er sich vom trockenen Klima Linderung für sein Asthma versprach. Sein Abschnitt lag um die Station Grasplatz, Kilometer 18 bis 27 von Lüderitz. Stauch interessierte sich für Mineralogie, hatte seinen Arbeitern eingeschärft, auf ungewöhnliche Steine zu achten – und sich vorsorglich einen Schürfschein besorgt.

Sanddüne über den Bahnschienen nahe der Station Grasplatz
Sanddüne auf den Schienen, etwa sechs Kilometer von der Bahnstation Grasplatz. Das Freihalten dieser Strecke war Stauchs Aufgabe.

Zacharias Lewala

Die Gleisarbeiter waren zum großen Teil sogenannte Cape Coloureds, aus der Kapkolonie angeworben, weil die einheimischen Nomaden sich der Kolonialverwaltung zufolge für die Arbeit „körperlich nicht eigneten“. Einer von ihnen war Zacharias Lewala. Im April 1908 hob er beim Schaufeln einen „hübschen Stein“ auf und gab ihn seinem Vorarbeiter. Die Stelle lag nahe dem Bahnhaltepunkt Kolmanskuppe.

Stauch erkannte, was er in der Hand hielt. Die Legende sagt, er habe mit dem Stein sein Uhrenglas geritzt; sicher ist, dass er ihn von einem Bergbaubeamten in Aus prüfen ließ. Es war ein Diamant. Lewala hat davon nichts gehabt. Über sein weiteres Leben ist fast nichts bekannt; in den Gründerbüchern der Kolonie erscheint Stauch ganzseitig auf einem Felsen sitzend, Lewala auf einer Viertelseite. Der namibische Dichter Dorian Haarhoff hat darüber ein Gedicht geschrieben.

Ein erstes Buch der Entdecker zeigt Stauch ganzseitig auf einem Felsen, eine Sepia-Frontispiz, die Hand hoch am Schenkel. Zacharias steht auf einer Viertelseite, Diamantenlächeln, sortiert, poliert, befördert zum Kutscher mit Pferd und Uhrkette.

Dorian Haarhoff, „Zacharias Lewala“ (aus dem Englischen)

Zwei Monate Schweigen

Stauch tat zunächst zwei Dinge, bevor irgendjemand vom Fund erfuhr. Er sicherte sich bei der Deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika, die die Bergrechte hielt, Claims rund um die Fundstelle. Und er holte Geldgeber ins Boot: seine Vorgesetzten Sönke Nissen, den Chefingenieur der Bahnbaugesellschaft, und deren Direktor Max Weidtmann. Am 8. Mai 1908 schlossen die drei einen Vertrag, der ihnen die Schürfrechte entlang der Baustrecke zwischen Lüderitzbucht und Keetmanshoop sicherte – ohne ihren Arbeitgeber zu fragen. Erst am 20. Juni 1908 wurde der Fund öffentlich.

Dann ging es schnell. Die Nachricht brauchte etwa drei Monate bis nach Deutschland, aber in der Kolonie war der Rausch sofort da. Aus Lüderitz, aus Swakopmund, aus dem Kap kamen Glücksritter, Beamte kündigten, Ladenbesitzer schlossen ihre Geschäfte. Die ersten Sucher brauchten weder Schaufel noch Sieb: An manchen Stellen lagen die Diamanten so dicht, dass man sie nachts im Mondschein glitzern sah und einfach aufsammelte. Auf Fotos aus dieser Zeit kriechen Männer in Reihen auf Knien durch den Sand.

Diamantensucher graben und sieben von Hand
Ausgraben und Sieben von Hand, um 1908/09.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main
Diamantensuchkolonne mit Handschüttelsieben
Suchkolonne mit Handschüttelsieben.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Dernburg und die Sperrverordnung

Im Juli 1908 war Bernhard Dernburg, Staatssekretär des Reichskolonialamts, ohnehin in der Kolonie, um die neue Bahnstrecke zwischen Aus und Keetmanshoop einzuweihen. Er sah sich das Treiben auf den Feldern an – und die Verwaltung reagierte am 22. September 1908 mit der Sperrverordnung. Das Gebiet zwischen dem 26. Breitengrad, rund 70 Kilometer nördlich von Lüderitzbucht, und dem Oranje an der Grenze zur Kapkolonie, 100 Kilometer landeinwärts, wurde zum Sperrgebiet erklärt. Neue Schürfscheine für Privatleute gab es nicht mehr. Das alleinige Recht, dort zu suchen und abzubauen, ging an die Deutsche Kolonialgesellschaft; bereits angemeldete Claims wurden anerkannt.

Mann mit handgemaltem Schild, das zu einer Versammlung zum Thema Dernburg einlädt
„Heute Abend 8½ Uhr öffentliche Versammlung. Jedermann muss kommen. Thema: Dernburg.“ Die Sperrverordnung sorgte für Aufruhr unter den Schürfern.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Neben der Kolonialgesellschaft bekamen nur vier Unternehmen Rechte: Stauchs Koloniale Bergbau-Gesellschaft, die Kolmanskuppe-Gesellschaft, die Diamanten-Aktiengesellschaft und die Vereinigte Diamantengesellschaft. Ausnahmen blieben das Pomonagebiet und ein etwa 30 Meter breiter Streifen links und rechts der Bahnstrecke – dorthin stürzten sich die verbliebenen privaten Schürfer. Aus dem Wildwest-Rausch war innerhalb von drei Monaten ein streng kontrolliertes Industriegebiet geworden. Das Sperrgebiet blieb hundert Jahre lang gesperrt; seit 2008 ist es Nationalpark und heißt heute Tsau ǁKhaeb.

Am 5. Januar 1909 wurde Stauchs Syndikat zur Koloniale Bergbau-Gesellschaft mbH mit Sitz in Berlin und einem Kapital von 100.500 Reichsmark; Stauch, Nissen und Weidtmann hielten je 20 Prozent. Die Zentrale der Gesellschaft entstand an der Bahn, an der Stelle, an der Johnny Coleman drei Jahre zuvor seinen Ochsenkarren im Sand hatte stehen lassen: Kolmanskuppe.

Warum der Ort so heißt

Johnny Coleman war ein Transportfahrer, der mit seinem Ochsengespann regelmäßig zwischen Keetmanshoop und Lüderitzbucht unterwegs war. 1905 überraschte ihn an einer kleinen Kuppe östlich von Lüderitz ein Sandsturm; er wurde gerettet, aber sein Wagen blieb jahrelang im Sand stecken. Die Stelle hieß bald „Colemans Kuppe“ – auf Afrikaans „Kolmanskop“, auf Deutsch „Kolmannskuppe“. Andere Schreibweisen wie Kolmanskuppe oder Colmanskop sind ebenfalls üblich. Ein Tierarzt und sein Begleiter, so wird erzählt, hatten in derselben Gegend weniger Glück: Sie verdursteten im Sandsturm, und die Diamantensucher fanden Jahre später ihre mumifizierten Leichen.