
Ein Bahnmeister mit Asthma
August Stauch wurde 1878 in Ettenhausen bei Eisenach in Thüringen geboren. Er war Eisenbahner, verheiratet, Vater – und Asthmatiker. 1907 nahm er eine Stelle in Deutsch-Südwestafrika an, weil er sich vom trockenen Wüstenklima Linderung versprach, und wurde Bahnmeister der Deutschen Kolonial-Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft an der kleinen Station Grasplatz auf der Strecke von Lüderitzbucht nach Aus. Sein Auftrag: neun Kilometer Gleis, Kilometer 18 bis 27, vom Sand freihalten, mit einer Kolonne von Arbeitern, die aus der Kapkolonie angeworben worden waren.
Stauch interessierte sich für Mineralogie. Er hatte bei der Kolonialgesellschaft vorsorglich einen Schürfschein beantragt und seinen Arbeitern gesagt, sie sollten auf ungewöhnliche Steine achten. Es ist die Art Vorbereitung, die aus einem Zufall eine Biografie macht.
Der Stein
Im April 1908 brachte ihm Zacharias Lewala einen Stein. Stauch prüfte ihn – der Legende nach am Glas seiner Taschenuhr – und ließ ihn von einem Bergbaubeamten in Aus bestätigen. Dann tat er zwei Monate lang nichts, was auffiel: Er steckte Claims ab, sicherte sich über seine Vorgesetzten Sönke Nissen und Max Weidtmann Kapital und schloss am 8. Mai einen Vertrag, der dem Trio die Rechte entlang der Bahnstrecke sicherte. Erst am 20. Juni 1908 meldete er den Fund. Am 5. Januar 1909 wurde aus dem Syndikat die Koloniale Bergbau-Gesellschaft mbH mit Sitz in Berlin; Stauch hielt zwanzig Prozent.
Pomona: Diamanten im Mondschein
Stauchs wichtigster Fund lag nicht bei Kolmanskuppe. Im Januar 1909 durchquerte er mit dem Berliner Geologieprofessor Robert Scheibe das Gebiet um Pomona, 40 Kilometer südlich, das von der Sperrverordnung ausgenommen war. In den Tälern dort lagen die Diamanten so dicht, dass die Arbeiter sie in den ersten Jahren mit Marmeladengläsern einsammelten; zwischen 1912 und 1914 wurden im Pomonagebiet mehr als eine Million Karat gefördert. Stauch gab den Feldern Namen aus seiner Familie – Idatal nach seiner Frau Ida, Barbaratal und Mariannental nach seinen Töchtern –, dazu Scheibetal nach seinem Begleiter, Märchental, Hexenkessel und Stauchslager.


Innerhalb weniger Jahre war Stauch einer der reichsten Männer der Kolonie. Die meisten Grundstücke in Kolmanskop gehörten ihm, in Lüderitz ließ er sich ein Haus bauen, und auf dem heutigen Lageplan des Museums ist an der Ladenstraße die „Stauch-Residenz“ eingezeichnet. Er saß im Landesrat der Kolonie und war später einer der vier Vertreter der Lüderitzbuchter Produzenten im Vorstand der CDM, als die deutschen Gesellschaften 1920 mit südafrikanischem Kapital fusionierten.
Der Absturz
Stauch legte sein Geld in Deutschland an: Güter in Thüringen, eine Fabrik, ein Zinnbergwerk, Beteiligungen. Die Inflation von 1923 entwertete, was in Mark angelegt war; die Weltwirtschaftskrise ab 1929 drückte die Diamantenpreise und die Beteiligungen; der Zweite Weltkrieg nahm den Rest. Stauch, der in den 1920er-Jahren wieder in Südwestafrika nach neuen Vorkommen gesucht hatte, kehrte schließlich nach Thüringen zurück.
Am 6. Mai 1947 starb August Stauch im Krankenhaus von Eisenach an Magenkrebs, im Beisein seiner jüngsten Tochter Käthe. Es wird berichtet, man habe bei seinem Tod gerade einmal 2,50 Mark bei ihm gefunden. Zwei Jahre später wurde die Bahnstation Grasplatz, an der seine Geschichte begonnen hatte, endgültig vom Sand überrollt und aufgegeben.
Auch dem einstigen Glücksritter August Stauch brachte der Diamantenfund in der Wüste langfristig kein Glück.
kolmanskop.de, 2012
Lewala und Stauch
Die Geschichte des Fundes wird meist als Stauchs Geschichte erzählt. Zacharias Lewala, der den Stein aufhob, kommt in den Quellen als „Arbeiter“ vor, sein weiteres Leben ist unbekannt. In Lüderitz erinnert heute eine Straße an Stauch; an Lewala erinnert ein Gedicht des namibischen Autors Dorian Haarhoff, das die beiden Bildgrößen in den Gründerbüchern gegenüberstellt – Stauch auf der ganzen Seite, Lewala auf einem Viertel. Es lohnt sich, beide Namen zu kennen.
