Vom Camp zur Gesellschaft
Kolmanskuppe begann 1908 als das, was alle Diamantenorte am Anfang sind: ein paar Holzhütten, Wellblech, ein Büro. Die Koloniale Bergbau-Gesellschaft (KBG), Anfang 1909 aus August Stauchs Syndikat hervorgegangen, machte den Bahnhaltepunkt zu ihrer Zentrale, weil hier alles zusammenlief – die Staatsbahn nach Lüderitz, von wo Material und Menschen kamen, und die eigenen Claims im Süden. Die Sperrverordnung hatte die privaten Schürfer verdrängt; wer jetzt noch Diamanten suchte, tat es als Angestellter.


Die Anfänge des Abbaus waren einfach: Siebe, Waschzuber, Bierkisten. Das Hauptproblem war Wasser – in der Namib regnet es praktisch nie, und Trinkwasser musste per Schiff aus Kapstadt kommen. Ein Lüderitzer Schmied namens Albert Plietz und sein Kollege Schulz erfanden für die Aufbereitung die „Plietz-Setzmaschine“, eine Art pulsierendes Sieb, das die schweren Diamanten in der Mitte konzentrierte. Die Werkstatt Plietz gibt es in Lüderitz bis heute.
1910: Maschinen aus Köln
Was die KBG von den kleinen Gesellschaften unterschied, war der Wille zur Maschine. 1910 bestellte sie zwei komplette Aufbereitungsanlagen bei der Maschinenbau-Anstalt Humboldt in Köln-Kalk. Die erste wurde südwestlich von Kolmanskuppe errichtet und Nordblockwäsche genannt, die zweite im Fiskusblock. Schon 1913 folgte die nächste Stufe: eine noch größere Anlage von Krupp in Magdeburg-Buckau, mit der die Nordblockwäsche zur Centralwäsche ausgebaut wurde. Als sie 1914 in Betrieb ging, schaffte sie 1.500 Kubikmeter Sand pro 18-Stunden-Schicht.









Historische Aufnahmen: Koloniales Bildarchiv, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main.
Strom, bevor London ihn hatte
Maschinen dieser Größe brauchen Strom, und so baute die KBG 1911 das Kraftwerk in Lüderitzbucht – kohlebefeuert, mit Überlandleitungen nach Kolmanskuppe und zur Mine in Elisabethbucht. Die Anlage war für ihre Zeit bemerkenswert: Kolmanskuppe hatte elektrisches Licht, kostenlos für die Bewohner, zu einer Zeit, als in Deutschland und in weiten Teilen Londons noch Gaslaternen brannten. 1926 wurde das Kraftwerk unter der CDM zum modernsten im südlichen Afrika ausgebaut; 1944 schenkte die Gesellschaft es der Stadt Lüderitz.
Der Strom löste auch das Wasserproblem – zumindest für die Industrie. 1911 entstand in Elisabethbucht eine Pumpstation, die täglich 1.000 Kubikmeter Meerwasser durch eine Rohrleitung von 125 Millimetern Durchmesser über 30 Kilometer in ein großes Reservoir nach Kolmanskuppe drückte. Das Reservoir versorgte die Wäsche und diente den Bewohnern nebenbei als Schwimmbad. Trinkwasser blieb Importware: bis 1913 per Schiff aus Kapstadt und dann per Bahn, danach ergänzt aus der Quelle von Garub, ebenfalls über die Schiene.
Die Werksbahn
Zwischen dem Ort und den Feldern lag die zweite Lebensader: eine private Schmalspurbahn mit 60 Zentimetern Spurweite, 1909 fertig, die von Kolmanskuppe die Küste hinunter bis 6,5 Kilometer südlich von Elisabethbucht führte, mit einem Abzweig in die Bucht. 1911 wurde sie verlängert und war am Ende 70 Kilometer lang. Anfangs zogen Maulesel die Loren; als die Strecke dafür zu lang wurde, kamen Lokomotiven. Dampfloks brauchten zu viel von dem kostbaren Wasser, also ließ die KBG eigens eine benzolelektrische Lokomotive entwickeln. Bei Kriegsausbruch 1914 war die Strecke nach Elisabethbucht vollständig elektrifiziert.
Ein noch größeres Projekt kam dazu: die 119 Kilometer lange, elektrifizierte Bahn nach Bogenfels, 1913 fertiggestellt und 1915 im Krieg zerstört. Kolmanskuppe wurde Hauptquartier des gesamten Bahnnetzes auf den Diamantenfeldern – ein Netz, das bis in die 1940er-Jahre die einzige Versorgungsroute in den Süden blieb.

Häuser aus Deutschland
Der Vergleich der Vermessungspläne von 1914 und 1929 zeigt, dass der Grundriss des Ortes im Wesentlichen vor dem Krieg entstand, in nur sechs Jahren. Ende 1911 gab es Strom- und Telefonnetz, auf dem Plan sind Hydranten eingezeichnet. Die Hütten der ersten Monate wurden durch massive Häuser aus Stein, Ziegel und bewehrtem Mörtel ersetzt. Das deutsche Fachpersonal wohnte am oberen Hang des Felshügels in sechs ein- und zweigeschossigen Villen, die den neuesten deutschen Geschmack in die Wüste übersetzten – Jugendstil-Erker, Veranden, Gärten.
Baumaterial gab es vor Ort keines. Alles, von den vorgefertigten Stahlgerüsten bis zu Türen, Fenstern und Fußbodenbelägen, kam per Schiff aus Deutschland nach Lüderitz und per Bahn nach Kolmanskuppe. Genau das macht den Ort bis heute so eigentümlich: Die Häuser sehen aus, als hätte man sie in eine Landschaft fallen lassen, für die sie nie gedacht waren.
1914: Der Krieg
Der Erste Weltkrieg beendete die deutsche Phase abrupt. Alle Bergbauarbeiten stoppten. Aus strategischen Gründen zerstörten die Deutschen Teile der Centralwäsche und die Wasserleitung von Elisabethbucht. Die Vertragsarbeiter aus dem Ovamboland wurden mit Sonderzügen nach Hause gebracht, die Arbeiter vom Kap per Schiff. Die deutschen Truppen zogen sich entlang der Bahnlinie nach Norden zurück und kapitulierten am 9. Juli 1915 bei Khorab. Mitte 1916 lief in Kolmanskuppe wieder ein eingeschränkter Betrieb, aber unter Kriegsrecht investierte niemand. Die nächste Phase begann erst 1920 – mit neuen Eigentümern und den besten Jahren des Ortes.
