Die Centralwäsche von Kolmanskuppe mit Abraumhalden, kolorierte Postkarte

Kapitel 2 · 1908 – 1914

Der Aufstieg

Sechs Jahre, vom Zelt zur vierstöckigen Stahlkonstruktion. Kolmanskuppe war keine Goldgräberstadt, sondern von Anfang an ein Industriebetrieb mit Berliner Firmensitz.

Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Vom Camp zur Gesellschaft

Kolmanskuppe begann 1908 als das, was alle Diamantenorte am Anfang sind: ein paar Holzhütten, Wellblech, ein Büro. Die Koloniale Bergbau-Gesellschaft (KBG), Anfang 1909 aus August Stauchs Syndikat hervorgegangen, machte den Bahnhaltepunkt zu ihrer Zentrale, weil hier alles zusammenlief – die Staatsbahn nach Lüderitz, von wo Material und Menschen kamen, und die eigenen Claims im Süden. Die Sperrverordnung hatte die privaten Schürfer verdrängt; wer jetzt noch Diamanten suchte, tat es als Angestellter.

Pferdestall in Kolmanskuppe 1908, einfache Wellblechkonstruktion
Pferdestall in Kolmanskuppe, 1908. Am Anfang bestand der Ort aus Wellblech.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main
Die Polizeistation von Kolmanskuppe, Holzhaus mit Veranda
Die Polizeistation, schon 1908 eingerichtet – Polizeiposten lagen an Wasserstellen und Bahnhöfen, um die Bewegung von Menschen und Diamanten zu kontrollieren.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Die Anfänge des Abbaus waren einfach: Siebe, Waschzuber, Bierkisten. Das Hauptproblem war Wasser – in der Namib regnet es praktisch nie, und Trinkwasser musste per Schiff aus Kapstadt kommen. Ein Lüderitzer Schmied namens Albert Plietz und sein Kollege Schulz erfanden für die Aufbereitung die „Plietz-Setzmaschine“, eine Art pulsierendes Sieb, das die schweren Diamanten in der Mitte konzentrierte. Die Werkstatt Plietz gibt es in Lüderitz bis heute.

1910: Maschinen aus Köln

Was die KBG von den kleinen Gesellschaften unterschied, war der Wille zur Maschine. 1910 bestellte sie zwei komplette Aufbereitungsanlagen bei der Maschinenbau-Anstalt Humboldt in Köln-Kalk. Die erste wurde südwestlich von Kolmanskuppe errichtet und Nordblockwäsche genannt, die zweite im Fiskusblock. Schon 1913 folgte die nächste Stufe: eine noch größere Anlage von Krupp in Magdeburg-Buckau, mit der die Nordblockwäsche zur Centralwäsche ausgebaut wurde. Als sie 1914 in Betrieb ging, schaffte sie 1.500 Kubikmeter Sand pro 18-Stunden-Schicht.

Stahlkonstruktion für die Fiskuswäsche im Bau, 1914
Die Stahlkonstruktion der Fiskuswäsche im Bau, 1914. Diese zweite Großanlage ging wegen des Kriegsausbruchs nie in Betrieb.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main
Die Centralwäsche mit Abraumhalde
Die Centralwäsche mit Abraumhalde
Förderbrücke der Centralwäsche über der Halde
Förderbrücke der Centralwäsche über der Halde
Die Centralwäsche, um 1914
Die Centralwäsche, um 1914
Förderband zur Centralwäsche
Förderband zur Centralwäsche
Bau eines Betriebsgebäudes im Stahlskelett
Bau eines Betriebsgebäudes im Stahlskelett
Stahlskelett und Verkleidung
Stahlskelett und Verkleidung
Fertiges Betriebsgebäude
Fertiges Betriebsgebäude
Werkshallen und Gleise
Werkshallen und Gleise

Historische Aufnahmen: Koloniales Bildarchiv, Universitätsbibliothek Frankfurt am Main.

Strom, bevor London ihn hatte

Maschinen dieser Größe brauchen Strom, und so baute die KBG 1911 das Kraftwerk in Lüderitzbucht – kohlebefeuert, mit Überlandleitungen nach Kolmanskuppe und zur Mine in Elisabethbucht. Die Anlage war für ihre Zeit bemerkenswert: Kolmanskuppe hatte elektrisches Licht, kostenlos für die Bewohner, zu einer Zeit, als in Deutschland und in weiten Teilen Londons noch Gaslaternen brannten. 1926 wurde das Kraftwerk unter der CDM zum modernsten im südlichen Afrika ausgebaut; 1944 schenkte die Gesellschaft es der Stadt Lüderitz.

Der Strom löste auch das Wasserproblem – zumindest für die Industrie. 1911 entstand in Elisabethbucht eine Pumpstation, die täglich 1.000 Kubikmeter Meerwasser durch eine Rohrleitung von 125 Millimetern Durchmesser über 30 Kilometer in ein großes Reservoir nach Kolmanskuppe drückte. Das Reservoir versorgte die Wäsche und diente den Bewohnern nebenbei als Schwimmbad. Trinkwasser blieb Importware: bis 1913 per Schiff aus Kapstadt und dann per Bahn, danach ergänzt aus der Quelle von Garub, ebenfalls über die Schiene.

Die Werksbahn

Zwischen dem Ort und den Feldern lag die zweite Lebensader: eine private Schmalspurbahn mit 60 Zentimetern Spurweite, 1909 fertig, die von Kolmanskuppe die Küste hinunter bis 6,5 Kilometer südlich von Elisabethbucht führte, mit einem Abzweig in die Bucht. 1911 wurde sie verlängert und war am Ende 70 Kilometer lang. Anfangs zogen Maulesel die Loren; als die Strecke dafür zu lang wurde, kamen Lokomotiven. Dampfloks brauchten zu viel von dem kostbaren Wasser, also ließ die KBG eigens eine benzolelektrische Lokomotive entwickeln. Bei Kriegsausbruch 1914 war die Strecke nach Elisabethbucht vollständig elektrifiziert.

Ein noch größeres Projekt kam dazu: die 119 Kilometer lange, elektrifizierte Bahn nach Bogenfels, 1913 fertiggestellt und 1915 im Krieg zerstört. Kolmanskuppe wurde Hauptquartier des gesamten Bahnnetzes auf den Diamantenfeldern – ein Netz, das bis in die 1940er-Jahre die einzige Versorgungsroute in den Süden blieb.

Die Bahnstation Kolmanskuppe mit Dampflokomotive, kolorierte Postkarte
Die Bahnstation Kolmanskuppe an der Staatsbahn Lüderitz–Aus, kolorierte Postkarte. Von hier zweigte die werkseigene Schmalspurbahn zu den Feldern ab.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Häuser aus Deutschland

Der Vergleich der Vermessungspläne von 1914 und 1929 zeigt, dass der Grundriss des Ortes im Wesentlichen vor dem Krieg entstand, in nur sechs Jahren. Ende 1911 gab es Strom- und Telefonnetz, auf dem Plan sind Hydranten eingezeichnet. Die Hütten der ersten Monate wurden durch massive Häuser aus Stein, Ziegel und bewehrtem Mörtel ersetzt. Das deutsche Fachpersonal wohnte am oberen Hang des Felshügels in sechs ein- und zweigeschossigen Villen, die den neuesten deutschen Geschmack in die Wüste übersetzten – Jugendstil-Erker, Veranden, Gärten.

Baumaterial gab es vor Ort keines. Alles, von den vorgefertigten Stahlgerüsten bis zu Türen, Fenstern und Fußbodenbelägen, kam per Schiff aus Deutschland nach Lüderitz und per Bahn nach Kolmanskuppe. Genau das macht den Ort bis heute so eigentümlich: Die Häuser sehen aus, als hätte man sie in eine Landschaft fallen lassen, für die sie nie gedacht waren.

1914: Der Krieg

Der Erste Weltkrieg beendete die deutsche Phase abrupt. Alle Bergbauarbeiten stoppten. Aus strategischen Gründen zerstörten die Deutschen Teile der Centralwäsche und die Wasserleitung von Elisabethbucht. Die Vertragsarbeiter aus dem Ovamboland wurden mit Sonderzügen nach Hause gebracht, die Arbeiter vom Kap per Schiff. Die deutschen Truppen zogen sich entlang der Bahnlinie nach Norden zurück und kapitulierten am 9. Juli 1915 bei Khorab. Mitte 1916 lief in Kolmanskuppe wieder ein eingeschränkter Betrieb, aber unter Kriegsrecht investierte niemand. Die nächste Phase begann erst 1920 – mit neuen Eigentümern und den besten Jahren des Ortes.