Kinderfest in Kolmanskuppe 1919, viele Kinder in Sonntagskleidung

Kapitel 3 · 1920 – 1930

Eine deutsche Kleinstadt in der Wüste

Rund 400 Menschen, die lebten wie in einer thüringischen Kleinstadt – Kleider nach Pariser Mode, Kegelabend, Kino im Kasino. Und 800 Männer im Lager außerhalb, ohne die nichts davon möglich gewesen wäre.

Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Neue Eigentümer, altes Personal

Mit dem Vertrag von Versailles wurde Südwestafrika 1919 Mandatsgebiet des Völkerbunds, verwaltet von Südafrika. Die deutschen Diamantengesellschaften fürchteten die Enteignung und suchten den Zusammenschluss mit südafrikanischem Kapital: 1920 entstand die Consolidated Diamond Mines of South West Africa (CDM). Im Vorstand saßen fünf Vertreter der Anglo American Corporation und vier der Lüderitzbuchter Produzenten, darunter August Stauch. 1929 übernahm Ernest Oppenheimer den Vorsitz, 1930 kaufte De Beers die CDM – der Beginn von sechzig Jahren De-Beers-Monopol in Südwestafrika.

Für Kolmanskop änderte sich im Alltag zunächst wenig. Die CDM behielt die deutschen Fachleute mit ihrem Wissen über die Felder. Hans Hörlein, Stauchs früherer Direktor, wurde Generaldirektor, Leonhard Kolle blieb Betriebsleiter. Die Gesellschaft fasste die Betriebe auf den 32.000 Quadratkilometern der Felder zusammen, mit Hauptsitz in Lüderitz und Niederlassungen in Kolmanskop, Elizabeth Bay, Pomona und Bogenfels. Rund 3.000 Menschen arbeiteten für sie. Die Produktion lief 1922 wieder an, die Centralwäsche wurde auf 3.000 Kubikmeter am Tag ausgebaut, und aus dem Abraum brannte eine eigene Ziegelei Steine – aus denen unter anderem die Siedlung in Elizabeth Bay entstand.

Panorama von Kolmanskop 1914
Kolmanskop 1914.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main
Das Schulgebäude von Kolmanskuppe mit Vorplatz
Die 1926 gebaute Schule.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main

Wasser aus Kapstadt, Eis frei Haus

Inmitten der Namib entstand eine Kleinstadt mit etwa 400 Einwohnern, die alles hatte, was eine deutsche Kleinstadt braucht: Verwaltung, Wohnhäuser, Schule, Krankenhaus, eine Ladenstraße mit Metzger, Bäcker und Kaufmann, dazu Turnhalle, Kegelbahn, Schwimmbad und Ballsaal. Für den Weg von einem Ende zum anderen und für Lasten gab es die Loren der Werksbahn, die mitten durch den Ort fuhren – die erste „Straßenbahn“ Afrikas, wie es oft heißt. Als in den Zwanzigern die ersten Autos kamen, wurden Garagen gebaut und die Straßen mit Lehm befestigt.

Das Wasser blieb der Luxus. Trinkwasser kam per Schiff aus dem 1.000 Kilometer entfernten Kapstadt nach Lüderitz und von dort mit der Bahn; in Lüderitz und Bogenfels wurde zusätzlich Meerwasser entsalzt. Jedem Einwohner standen 20 Liter am Tag zu, kostenlos; wer mehr brauchte, zahlte. Strom war ebenfalls frei. Die Bäckerei arbeitete vollmechanisch mit einem Senking-Ofen, die Schlachterei hatte ein Kühlhaus, und als dessen Nebenprodukt entstand Blockeis, das einmal in der Woche gratis an jeden Haushalt geliefert wurde – eine halbe Stange pro Familie. Eine Getränkefabrik machte Limonade. Sogar Milch gab es umsonst.

Die Ladenzeile mit der Bäckerei (Reproduktion im Museum)
Die Ladenzeile mit der Bäckerei (Reproduktion im Museum)
Blick in die Eisfabrik heute
Blick in die Eisfabrik heute
Kühlraum der Schlachterei
Kühlraum der Schlachterei
Eisschrank im Haushalt
Eisschrank im Haushalt
Lore der Werksbahn – das Verkehrsmittel des Ortes
Lore der Werksbahn – das Verkehrsmittel des Ortes
Küche mit Herd, im Museum
Küche mit Herd, im Museum
Wohnzimmer, im Museum
Wohnzimmer, im Museum
Der Kaufmannsladen, im Museum
Der Kaufmannsladen, im Museum

Fotos: Anders Ellerstrand.

Sämtliches Baumaterial, die Möbel, die Fenster und Türen kamen aus Deutschland. Für die leitenden Angestellten standen Villen nach deutschem Vorbild am Hang, mit Gärten, die man mit dem knappen Wasser am Leben hielt; die Handwerker wohnten in hölzernen „Koppelpontoks“, die ab 1926 durch Ziegelhäuser am unteren Hang ergänzt wurden. Ein zweiter, kleiner Wohnort entstand direkt bei der Centralwäsche. Die Bergbauhistorikerin Gabi Schneider beschreibt, dass die Frauen der Bergbaubeamten Kleider nach der neuesten europäischen Mode trugen – „das Leben der Bewohner spiegelte das ihrer Zeitgenossen zu Hause in Deutschland“.

Das erste Röntgengerät im südlichen Afrika

Das ursprüngliche Lazarett war eine Wellblechbaracke am Südrand. Der massive Bau am Hang wurde 1926 modernisiert und erweitert und bekam das erste Röntgengerät im südlichen Afrika – nach manchen Darstellungen der ganzen Südhalbkugel. Es diente der Diagnose von Knochenbrüchen, und den Erzählungen der Guides zufolge auch dazu, Arbeiter zu durchleuchten, die im Verdacht standen, Diamanten verschluckt zu haben. Das Krankenhaus hatte zwei Ärzte, von denen man sich bis heute erzählt: Dr. Paul Kränzle empfahl jedem Patienten täglich ein Glas Wein – das Haus soll einen eigenen Weinkeller gehabt haben –, Dr. von Lossow, Chirurg und Knochenspezialist, schwor auf rohe Zwiebeln und Knoblauch. Ein zweites, einfaches Hospital gab es für die Vertragsarbeiter außerhalb des Ortes.

Der lange Korridor des Krankenhauses heute
Der Korridor des Krankenhauses heute.Foto: Anders Ellerstrand
Ein eingerichtetes Patientenzimmer im Museum
Ein Patientenzimmer, im Museum eingerichtet.Foto: Anders Ellerstrand

Kegeln, Theater, Turnen

Was einen Ort dieser Größe in der Abgeschiedenheit zusammenhielt, war das Vereinsleben. 1927 entstand mitten im Ort das Kasino mit Turnhalle – vorgefertigtes Stahlskelett aus Deutschland, Ziegel aus der eigenen Ziegelei. Es enthielt einen Saal mit Bühne für Theater und Kino, die Turnhalle, zwei Messen, eine Großküche, Bar und Clubräume, und im Keller die Kegelbahn, die 1928 eingeweiht wurde und bis heute funktioniert. Den Deutschen, so hieß es in der Region, sei nachzusagen, dass sie überall zuerst eine Kegelbahn bauten und dann alles andere. Als das Kasino 1928 fertig war, markierte es den wirtschaftlichen Höhepunkt des Ortes – und war zugleich das letzte große Bauvorhaben vor dem Niedergang.

Die Kegelbahn im Keller des Kasinos
Die Kegelbahn von 1928.Foto: Anders Ellerstrand
Die Turnhalle des Kasinos heute
Die Turnhalle heute.Foto: Anders Ellerstrand

Auch die Klassengesellschaft war klar geregelt, und der Hügel bildete sie ab: Die Direktion wohnte oben in den Villen, die Angestellten darunter, die Handwerker am Fuß. Zwischen „white collar“ und „blue collar“ – Beamten und Handwerkern – zog die CDM eine deutliche Linie.

Der Compound: die 800, von denen selten die Rede ist

Die Führungen und die meisten Bücher erzählen von den Villen. Wer die Diamanten aus dem Sand holte, kommt darin kaum vor. Vor dem Ersten Weltkrieg arbeiteten auf den Feldern rund 3.400 Vertragsarbeiter aus dem Ovamboland im Norden und 2.500 Arbeiter vom Kap; nach dem Krieg erlaubte die südafrikanische Verwaltung keine Anwerbung vom Kap mehr, und die CDM rekrutierte ausschließlich im Ovamboland. Etwa 800 Männer lebten in einem abgetrennten Compound südöstlich von Kolmanskop, mit eigenem Hospital, in Baracken mit Betonpritschen. Ihre Arbeitszeit lag bei neun Stunden am Tag, sechs Tage die Woche.

Über die Lebensbedingungen dort ist wenig dokumentiert; die Gebäude liegen im Sperrgebiet, ihre Überreste sind vom Ort aus zu sehen, aber nicht zugänglich. Die Bergbauhistorikerin Nicola Alexander, deren Arbeit diese Seite viel verdankt, hat 2010 darauf hingewiesen, dass der Compound bei der Einrichtung des Museums gar nicht in Betracht gezogen wurde, weil man ihm „keinen architektonischen Wert“ zusprach. Das Geld, das auf den Diamantenfeldern verdient wurde, ernährte Familien und Dörfer im Norden – und die Erfahrung der Vertragsarbeit gehörte zu den Wurzeln der Ovamboland People’s Organisation, aus der 1960 die SWAPO wurde, heute die Regierungspartei des unabhängigen Namibia.

Vier Szenen der Arbeit auf einem Diamantenfeld: Schüttelsieb, Waschmaschine, Handsiebe, Absuchen
„Die Arbeit auf einem Diamantenfeld“: 1. am Schüttelsieb, 2. an der Waschmaschine, 3. Auswaschen mit Handsieben, 4. Absuchen des „Herzens“ – der Rückstände in der Siebmitte.Koloniales Bildarchiv, UB Frankfurt am Main